Erinnern, Zeitreise in die Vergangenheit

Erinnern – Zeitreise in die Vergangenheit

Es ist die Möglichkeit eine Zeitreise zu machen, die mich an Orte, wie das Freilichtmuseum Neuhausen, führt. 

Nostalgie nach der „Guten alten Zeit, in der noch alles besser war“ ist mir fremd. Ehrlich gesagt, sehne ich mich nicht zurück in ein altes Bauernhaus, wo der Schnee durch die Ritzen pfeift und Eisblumen im Wohnzimmer an der Wand blühen, trotzdem der Ofen glüht.

Glaub mir, ich weiß, von was ich rede! Noch gut kann ich mich an die langen Jahre erinnern, in denen ich in solch einem alten Bauernhaus gewohnt habe. Ich kann dir sagen, heute bedanke ich mich jeden Winter bei meiner Zentralheizung für ihre Dienste!

 

Also, warum besuche ich Museen?

Was genau interessiert mich an alten Dingen und Museen der Alltagskultur?

An solchen Orten finde ich Anstöße, um zu erinnern. 

Hier kann ich eine Zeitreise machen und Bilder, Gefühle, Erfahrungen in meinem Innern finden. Die Gegenstände und Häuser im Freilichtmuseum helfen mir, so dass ich ganz abtauchen kann, in die jeweilige Situation und tief in meine Erinnerungen. 

 

Küche im Freilichtmuseum Neuhausen

 

Die Gegenstände erzählen mir die Geschichten meiner Großmutter neu

Etliche Dinge aus dem Bauernmuseum kenne ich noch gut aus meiner Kindheit, habe sie im alltäglichen Gebrauch erlebt.

Vor allem bei unseren Verwandten auf dem Land, waren die Schmalztöpfe gefüllt mit süß-sauren Gurken, das Brot wurde im Backhäusle gebacken und im Keller lag das Fass mit Most.

Ich kann mich auch noch gut an den Wasserstein in unserer Küche erinnern. Den hätte ich gerne wieder und würde jede Edelstahlspüle dagegen eintauschen.

Erinnerungen tauchen auf, an meine Kindheit, an die Geschichten, mit denen ich aufgewachsen bin, wenn meine Oma von Früher erzählte. Sicher war all das, was sie mir aus ihrer Kindheit erzählte, in ähnlicher Umgebung geschehen.

 

tante-emma-laden-neuhausen

 

Zeitreise in die Kindheit

Im Kaufhaus Pfeiffer in Neuhausen gefällt mir das Nebeneinander von Waren aus fast einem Jahrhundert. Neben Originalpackungen von Damenunterwäsche aus den 50er Jahren – „Mein-Hüfthalter-bringt-mich-um“- liegt ein Nyltest-Hemd und Faschingsdeko aus den 70er Jahren. Ich sehe Kartons im Stil der Jahrhundertwende und 60er Jahre Werbung für Muckefuck Malzkaffee.

Die Waage, Registrierkasse, Bonbongläser, wie bei meiner Tante Anna. Ja, meine Tante Emma hieß in Wirklichkeit Tante Anna. Sie hatte einen kleinen Dorfladen und war die beste Freundin meiner Oma.

Im Regal entdecke ich eine Seife von der Seifenfabrik, neben der meine Tante wohnte. Wenn die Tante nasse Wäsche im Garten aufhängte, war nach einem Tag genügend Seifenpulver aus der Luft auf die Wäsche gefallen, dass die Wäsche mit „himmlischer Seife“ gewaschen werden konnte. Waschpulver brauchte die Tante keines kaufen.

 

putzteufel-bei-tante-emma

 

Erinnerungen an meinen ersten Job

Auch daran erinnere ich mich noch sehr gut, wie ich als kleines Mädchen regelmäßig im Konsum-Laden half. Damit verdiente ich meinen ersten Lohn: eine Kinderhand voll Karamelbonbons. Oft sortierte ich Tüten ein oder ich war im Lager, um Zucker oder Mehl abzuwiegen.

Im Konsum-Laden lernte ich mit der Waage umzugehen. Aus dem Zentnersack das Mehl in eine Papiertüte schaufeln und in die eine Waagschale legen. In die andere Schale das große, schwere Eisengewicht stellen und warten, bis die beiden Schalen im Gleichgewicht waren. Dann die Tüte so zufalten, damit sie sich nicht wieder öffnet. Nächste Tüte füllen, bis der Zentnersack leer und alles in Pfund- oder Zwei-Pfund-Tüten abgepackt war.

Nudeln gab es schon fertig abgepackt, nicht in Papiertüten, sondern in durchsichtigem Cellophan. So konnte ich zwischen den Nudeln die Gratisbeigabe sehen. Es war Puppengeschirr aus Plastik, Teller, Tässchen in Hellblau.

 

Erinnern - Zeitreise in die Vergangenheit

 

Erinnern

nach Innen schauen

inne werden lassen

wissen machen

er-innern

 

Er-innern. Ja, es geht darum einen bewussten Zugang zum Inneren zu bekommen. Dinge, Erlebnisse, Farben, Gerüche verinnerlichen. Eindrücke sammeln, innere Bilder erschaffen, das episodische Gedächtnis füttern. Sich in andere Personen hinein versetzen, in andere Lebensformen einfühlen.

Dabei geht es nicht nur darum persönliche Erinnerungen zu aktivieren, sondern auch Erinnerungen anderer zu sammeln.

Wenn ich durch die Räume der alten Häuser gehe, stelle ich mir vor, wie die Menschen darin gelebt haben. Erinnerung und Fantasie wohnen sehr nahe beisammen. Ich sehe auf meiner Zeitreise Szenen vor mir, die sich vielleicht abgespielt haben. Ich nehme mir oft Zeit, schaue mir alte, benutzte Alltagsgegenstände an, um mich empathisch einzuspüren und zu hören, was die Dinge mir vom Leben erzählen.

 

Der Neurologe Dr. Oliver Sacks sagt dazu: „Erinnerung ist niemals nur simple Aufzeichnung oder Reproduktion, sondern ein aktiver Prozeß der Rekonstruktion und Phantasietätigkeit. (aus:  Die Insel der Farbblinden* bei Amazon anschauen)

 

Vielleicht ist das Erzählen das Flussbett des Erinnerns

Leider weiß ich nicht von wem dieses Zitat stammt (weißt du es?), doch trifft es genau das was ich meine.

Das Erinnern muss fliessen, wenn du erzählen willst.

Das Erinnern formt das Erzählen, wie das Wasser sein Flussbett formt.

Umschliesse ganz die Erinnerung, wie das Flussbett das Wasser.

Eines bedingt das andere.

Wenn es kein Wasser im Fluss gibt, verdorrt das Leben.

Wenn du nicht erinnerst, wird dein Erzählen nur trockene Form sein.

 

Nur indem ich mich an selbst erlebte Dinge erinnern kann, wenn ich die kleinsten Details im Geiste vor mir sehe, kann ich so lebendig erzählen, dass meine Zuschauer sich alles vorstellen können.

 

Mein Tipp für dich: Geh immer mal wieder auf eine Zeitreise. Nimm dir immer wieder Zeit zum Erinnern und wandere durch deine persönliche Bilderwelt. Es lohnt sich!

Erinnern fördert die Kreativität und ist eine notwendige Fähigkeit für Künstler. Besonders für Geschichtenerzähler sind solche Zeitreisen in Gedanken wie die Luft zum Atmen.

 


Ich nehme mir regelmäßig Zeit um zu erinnern, um zu schauen, zu beobachten. Wo findest du dafür Anstöße?

 

Andere Beiträg, die durch meinen Besuch im Freilichtmuseum Neuhausen inspiriert wurden:

 

 

Abonniere die neuen Beiträge von Ethnostories per Email.

Written By
More from Uschi Erlewein

5 Tipps gegen Lampenfieber

Im Artikel „Frisst dich das Lampenfieber auf?“ habe ich über meine Grundhaltung...
Read More

4 Comments

  • Liebe Uschi,
    sehr schön erzählt und so wahr. Es gibt nur noch wenige Orte, die uns in unsere Kindheit zurückführen. Ich erinnere mich auch gerne und bewusst an die eigene Vergangenheit, denn ich finde, das hilft uns dann auch in Situationen der Gegenwart. Leider gilt das ja oft als rückwärtsgewandt und passt nicht in die dynamische Zeit von „heute so und morgen anders“.
    Liebe Grüße
    Nora

    • Liebe Nora, hab vielen Dank für deine Worte!
      Sicher würden so manche Leute das als rückwärtsgewandt und nostalgisch interpretieren. Doch für uns, die wir gestalterisch arbeiten ist gerade das Erinnern so wertvoll. Es ist Fundus für Ideen, ist überschreiten von Zeit und Raum, Material zur Gestaltung. Und wie du schreibst, wir können so viel fürs Heute lernen. Für mich als Erzählerin ist es noch zusätzlich eine Übung für das Erinnerungsvermögen, denn ohne Erinnern – kein Geschichtenerzählen.
      liebe Grüsse, Uschi

  • Liebe Uschi,
    Dein Beitrag übers Erinnern weckt sehr viele Erinnerungen
    Eisblumen vermisse ich und das Ritual von Strumpfhosen auf Kniestrümpfe, Söckchen … Barfüße zu wechseln und so dem klimatischen Jahreslauf zu folgen.

    Museen erlebe ich ähnlich wie Du: Da ist ein Gegenstand aus ferner/anderer Zeit, genutzt, belebt von Menschen die ich nicht kenne und … es erzählt sich eine Geschichte

    Als ich in den 80er/90er Jahren im Altenheim arbeitete, waren es oft die Familienphotos, die die BewohnerInnen als Kinder zeigten, die einerseits reale Erinnerungen, andererseits meine Phantasie weckten.

    Kürzlich war ich bei einem Schreibseminar.
    Eine Aufgabe lautete: Erinnere dich an 5 Situationen deines Lebens (ohne Gewichtung), die du jeweils in einem Satz auf jeweils ein Stück Papier schreibst. Wichtig: Du sprichst dich selbst dabei an.

    Als Beispiel einer meiner Sätze:
    Wie groß sind wohl deine Augen gewesen, als du erstmals durch eine Favela fuhrst, wo Menschen in Blechhütten ganz nah an den Schienen wohnten.

    Die 5 Sätze folgten der tatsächlichen Chronologie, wurden dann aber beliebig gemischt.
    Aus diesem neuen „Erinnerungsfaden“ ergab sich eine andere als die reale Biographie – am Ende mindestens 5 Geschichten, die sich jeweils anders erzählen.

    Mein Beispielsatz war Nr.3. Er birgt die Erinnerung meiner 1. Fernreise nach Brasilien. Ich war 26. Im 1. Anlauf wurde er zu Satz Nr.1 und die großen Augen wurden zu Kinderaugen …

    Probier(t) es selbst einmal – absolut faszinierend!
    Ich muss das Erinnern für diesen Moment loslassen, aber hej! – Danke für den Impuls

    Regina

    • Hab GROSSEN Dank für diesen langen Kommentar, liebe Regina!

      Ich freu mich, dass du den Impuls aufgenommen hast…ja, aus Erinnerungen wachsen die ureigensten Geschichten. Ich bin da ständig dran, mit ähnlichen Schreibübungen oder anderen. Dabei gehts mir nicht immer drum solche Geschichten in mein Erzählrepertoire aufzunehmen. Oft schreibe ich auch „nur“ um zu verstehen, wie ich denke und erzähle. Das bringt so viel fürs Erzählen.

      Ich war auch 26, als ich auf meiner 1. Fernreise nach Indonesien flog. Am ersten Tag fuhr ich mit der Eisenbahn stundenlang durch die Slums Jakartas. Menschen überall, Menschen wohnten unter Plastikplanen zwischenen den Eisenbahnschienen…Ich hatte den Kulturschock in Südostasien, du in Brasilien…Armut hat das selbe Gesicht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.