Schreiben für den Kompost

Schreiben für den Kompost – Jeden Morgen zweckfrei schreiben

Schreiben als Übung

Seit über 20 Jahren nehme ich mir Morgens für gut 1 Stunde oder länger Zeit, zum Schreiben. Ich schreibe ohne Zweck, um meinen Geist frei zu machen für die gestalterischen Aufgaben des Tages.

In Amerika nannte ich es immer: „Brushing the teeth of my soul.“ Wie beim morgendlichen Zähneputzen den faden Geschmack von Gestern verlieren. Sich vorbereiten auf Heute.

 

Schreiben wie denken

Das Geschriebene ist nicht zum Lesen bestimmt. Es geht hauptsächlich darum in den Fluss, den Flow, zu kommen und nicht um geschliffene Sprache. Kritikfrei und ohne Anspruch „gut“ zu sein. Ich schreibe dabei, wie ich denke und auch spreche.
Gleichzeitig versuche ich auch dabei das intellektuelle Denken auszuschalten. Kein überlegen, korrigieren, ausformulieren. Nur schreiben, schreiben, schreiben. Was dabei auf dem Papier landet ist manchmal nicht logisch oder verständlich, manchmal poetisch und überraschend.

Das regelmässige Schreiben wurde mir zu einer lieben Gewohnheit, die mir auch viel durch turbulente Zeiten zu Klarheit verholfen hat. Ich lernte viel über mich und meine Träume. Vor allem verlor ich dadurch nicht den Fokus in meiner künstlerischen Arbeit.

In all den Jahren des Schreibens verstand ich besser und besser, wie ich Dinge ausdrücke. Ich schreibe ja nicht dafür, dass jemand meine Seiten liest – sondern ich schreibe so, wie ich denke und wie ich spreche. Dabei erkenne ich meine Sprache, meinen Atem, meinen Rhythmus.

Das hilft mir sehr beim Erzählen, denn so kann ich den Worten trauen, die über meine Lippen kommen. Ich habe so oft geübt im Fluss der Worte zu treiben, dass sich das eben auch, wie die o.g. Zuschauerin bemerkte, in meinen Erzählaufführungen zeigt. Ich kann mir nicht vorstellen, was für eine Erzählerin ich ohne all diese vollgeschriebenen Bücher wäre.

 

Schreiben für den Kompost

Kannst du dir vorstellen, wie viele vollgeschriebene Bücher in all den Jahren zusammen kommen? Ein ganzer Schrank ist damit gefüllt. In der Zwischenzeit bekomme ich immer mal wieder einen Rappel, lese die alten Bücher, notiere schöne Gedanken, Ideen und Formulierungen – und dann: ab in den Kompost.

Jaja, du hast schon richtig gelesen: ich häcksle die alten Seiten und kompostiere sie in meinem Garten. Sehr zur Freude der Regenwürmer. Denen schmeckts!

Und die alten Seiten werden zu Dünger für meine Radieschen.
Eingehen in den natürlichen Kreislauf und zu Dünger werden für Zukünftiges.
Damit würdige ich das Geschriebene, die Zeit, die ich damit verbrachte, die Träume und Gedanken, die hinein geflossen sind.

 

Der Weg des Künstlers

Übrigens wurde ich zu dieser Schreibübung angeregt, als mir vor 20 Jahren in USA das Buch The Artist’s Way* in die Hände fiel. Ich bin sehr dankbar über diese Anregung. Übersetzt heißt das Buch Der Weg des Künstlers*

Allerdings würde ich jedem empfehlen, das Buch im Original auf englisch zu lesen. Denn die Übersetzung ist zu einem anderen Buch geworden. Bevor das Buch in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde habe ich schon jahrelang mit ihm gearbeitet, kannte es genau und war schockiert darüber, welche Richtung es in der Übersetzung bekommen hatte.

Bei diesem Buch habe ich verstanden, wie man dem Sinn eines Textes mit der Übersetzung eine völlig andere Richtung geben kann. Es ist nicht damit getan, jedes Wort 1:1 zu übersetzen und in eine gute Sprache zu formen.

Seither bin ich äusserst vorsichtig beim Übersetzen von Geschichten und recherchiere auch den Kontext genau.

 

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Hast Du Fragen? Oder Erfahrung mit täglichem Schreiben als Übung? Ich bin gespannt, was Du mir darüber in den Kommentaren erzählst.

 

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10 Comments

  • Liebe Uschi Erlewein, nachdem ich mich an Sie gewendet habe, weil ich einen guten „Erzählerkurs“ gesucht habe, habe ich von Ihnen viel mehr zurück bekommen!
    Sozusagen das „GO“ zum Schreiben. Ich schreibe seither fast jeden Tag und ich darf mich als mittlerweile ausgeglichen, frei und fröhlich bezeichnen. Es macht nämlich auf Dauer traurig, wenn man sich nicht ausdrückt. Und wieso drückt man sich einfach nicht aus? Weil man immer denkt: wenn schon muss ich etwas ganz ERFOLGREICHES produzieren. Etwas bei dem ich von Außen Anerkennung bekomme. Dies ist genau die Gegenrichtung der Kunst und die Gegenrichtung der Liebe. Toll ist, dass ich tatsächlich meinem Hauptanliegen so näher gekommen bin. Die Öffnung für die Kunst und den Ausdruck. Wer weiss, wohin die Reise geht….

    • Liebe Elke, das macht mich so froh, dass ich Ihnen einen Impuls geben konnte, der so viel ins Rollen gebracht hat! Ja, sich ausdrücken ist so bereichernd. Leider gibt es trotzdem immer wieder Zeiten, in denen es nicht richtig fliesst, in denen wir blockiert sind. Ich bin sehr gespannt zu hören, wo Ihre Reise hin geht! Halten Sie mich bitte auf dem Laufenden – und wenn Sie wieder einen Schubs brauchen, vielleicht kann ich dann wieder weiter helfen…herzliche Grüsse, Uschi
      PS: Meine Devise ist immer: Ich darf Mist produzieren. Schliesslich ist der Mist Dünger für Zukünftiges…

  • Klasse Text & wie Du das machst mit dem Rück~Geben an Mutter Natur.. ‚der Weg des Künstlers‘ fiel mir auch direkt dazu ein..
    Ich schreib ja auch seit 20 Jahren durchgehend und hab hier jede Menge gefüllte Bücher und bin am Zusammenstellen von Texten, um mein Buch dann doch irgendwann in die Welt zu bringen

    • Super, Tanja! Mach das! Ich bin auch froh, dass ich im Blog jetzt auch solche Texte veröffentliche. Das ist nix, wenn es zu lange im Schrank liegt. Da wird alles zu Ballast. Ich freu mich, dass Du mitliest!

  • Wow sehr gut geschrieben
    Zitat:
    „Jaja, du hast schon richtig gelesen: ich häcksle die alten Seiten und kompostiere sie in meinem Garten, sehr zur Freude der Regenwürmer. Denen schmeckts! Und die alten Seiten werden zu Dünger für meine Radieschen.“

    Das ist ja eine absolut witzige Idee und wenn sich dann die Regenwürmer auch noch darüber freuen *hihi… da Du es ja gehäckselt hast, brauchen sie die schwere Kost ja nicht zu lesen, aber super Idee !

    Als Kind habe ich auch einmal kleine Kindergeschichten geschrieben, aber als meine Cousine meine kleine Sammlung verbummelte hatte, habe ich nicht weiter gemacht … Ich fand das später traurig, aber die Lust war weg !

    LG und Dank für Deinen Kommentar
    Katrin

  • tut gut zu lesen! verfahre ähnlich, auch mit visuellen Skizzen – nur mach ich mir selten die Arbeit, Interessantes daraus weiter zu bearbeiten und zu veröffentlichen – kommt aber – Danke für die Ermunterung!

    • @ Rüdiger: Da wäre ich echt neugierig, was du dann daraus machst – halte mich bitte auf dem Laufenden!
      Ich stelle immer wieder fest, dass was ich Morgens schreibe voller Überraschungen steckt. Noch ist der Goldglanz der Nacht und des anderen Bewußtseins im Traum darin. Das nicht in die tägliche künstlerische Arbeit einfliessen zu lassen, wäre wie wenn ich Goldstücke missachte. Es lohnt sich die Zeit am Morgen zu nehmen.

  • Ich habe das Buch auch, habe aber mit dem Schreiben nicht durchgehalten!
    Danke für die Anregung, ich mache mich jetzt nochmal dran
    Wie hat das morgendliche Schreiben Deine Geschichten geprägt? Was wurde Dir dabei klar? Kannst Du das noch auf den Punkt bringen? Was verändert sich in Dir, wenn Du schreibst?
    liebe Grüße
    Gabi

    • Liebe Gabi, super, wenn Du es nochmals probierst! In nächster Zeit findest hier noch mehr Über das Schreiben und das, was mir die morning pages gebracht haben. Da werde ich Deine Fragen mit einbeziehen. ok? Liebe Grüsse, Uschi

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