Schwitzen im Kostüm und die Sache mit dem Fokus

Schwitzen im Kostüm und die Sache mit dem Fokus

Schwitzen im Kostüm ist kein äusseres Problem der falschen Kleidung, sondern eine Herausforderung für deine Konzentration und deinen inneren Fokus.

Es gibt immer was, das dich ablenken will

Wenn es nicht das Schwitzen im Kostüm ist, das deine Konzentration auf die Probe stellt, dann ist es die Enge im Raum, die trockene Luft, die wenigen Besucher, das unruhige Kind in der 2. Reihe oder der Ärger mit deinem Partner. Du bist unsicher, ob du gut erzählst, hast Hunger, dir ist übel vom Lampenfieber oder du hast Muskelkater vom gestrigen Training.

Oder – es stört die Fliege, die dir um den Kopf summt …

 

Schwitzen im Kostüm

In meiner Zeit als Klinikclown oder wenn ich mein Programm mit mongolischen Geschichten erzähl-spiele, werde ich immer wieder gefragt, „Sag mal, musst du nicht schwitzen im Kostüm?

Viele meiner Kostüme bestehen aus mehreren Lagen. Aus vielen Schichten – wie die Ge-Schichten, die ich erzähle. Oft sind die Kostüme aus alten Stoffen gemacht, die selber schon eine Geschichte haben. Manche davon haben mich schon über viele Jahre begleitet.

Viele Schichten Stoff übereinander, das gibt warm.

Wie mirs damit geht?

Tatsache ist, mir ist natürlich heiß und ich muss schwitzen im Kostüm.

Doch ich leide nicht darunter!

Ich trage das Kostüm, schlüpfe in diese zweite Haut – und fertig.

Weiter mache mir keine Gedanken.

Warum?

 

Artikelfoto: Schwitzen im Kostüm und die Sache mit dem Fokus

 

Wo du deine Gedanken hin schickst, das wird zu deiner Realität

Wenn du denkst, „Oh Mann, ist mir heiß! Ich muss so schwitzen im Kostüm. Nix wie raus aus den Klamotten!“

Resultat: es wird dir noch heißer!

Du wünschst dir, es wäre kühl und du hättest weniger an.

Je mehr du darüber nachdenkst, desto unzufriedener wirst du. Wenn du dich auf das konzentrierst, was du nicht hast, dann frustriert es dich. Jetzt klebst du an dem Gedanken, dass dir heiß ist. Es wird unerträglich.

So leicht lassen wir uns von solchen Gedanken gefangen nehmen.

Du kannst dich aber auch von ihnen frei machen!

Auch wenn du klagst, ändert sich an der äußeren Situation trotzdem nichts.

Innerlich ändert sich sehr wohl etwas: du wirst unzufrieden mit der momentanen Situation. Am liebsten wärst du woanders. Nicht Hier.

Keine gute Basis für einen Auftritt!

Du siehst, dieser Gedanke „mir ist heiß“ wird so zu deiner Realität.

 

Artikelfoto: Schwitzen im Kostüm und die Sache mit dem Fokus

 

Folge nicht der Ablenkung

Mit solchen Gedanken bist du nicht gegenwärtig, sondern du bist in der Zukunft. In Gedanken bist du schon in dem Moment, in dem du das warme Kostüm ausziehst.

Und mit jedem Mal, wenn du diesen Gedanken bewegst, bekommt er mehr und mehr Macht über dich.

Stehst du dabei vor Publikum, wird es auch deine Gefühle und Gedanken aufschnappen. Unterschätze nie, wie viel dein Publikum zwischen den Zeilen mitbekommt!

Die Bilder deiner Erzählungen vermischen sich mit deiner Befindlichkeit.

Das Resultat? Irritation. Manch einer kann vielleicht nicht mehr deiner Vorführung folgen, versteht die Bilder der Geschichte nicht. Dein Publikum kann spüren, dass du unzufrieden und nicht wirklich präsent bist.

 

Mach dein Unbehagen zum Thema

Wenn du auf der Bühne eine unangenehme Situation erlebst, kannst du sie auch nutzen. 

Wenn du improvisieren kannst, dann lass deine persönliche Befindlichkeit deiner Erzählung eine neue Klangfarbe geben. Mach dein Unbehagen zum Thema – sofern es zu deinem Programm passt. Damit meine ich nicht, dass du dich entschuldigst oder rechtfertigst. 

Lass es in dein Spiel, in deine Erzählung einfliessen.

Ist dir heiß, dann lass das Schwitzen im Kostüm zu einem Teil der Geschichte werden.

„Es geschah im Sommer“ wird zu “ Es geschah an einem Sommertag. Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel – so wie heute – und Wasserschildkröte war so durstig, daß sie schier austrocknete …“

Das gibt oft einen Lacher, denn die Zuschauer erkennen sich selber in der Geschichte.

 

Artikelfoto: Schwitzen im Kostüm und die Sache mit dem Fokus

 

Schicke deine Gedanken dahin, was du gerade tust

Verstehst du jetzt, weshalb ich für diesen Text kein Foto von mir als Geschichtenspielerin ausgesucht habe? Sondern dieses Foto der schönen Bogenschützin, das ich machte, als ich in der Mongolei unterwegs war.

Immer, wenn ich das Foto anschaue, bin ich vom Fokus der jungen Frau beeindruckt.

Schon bevor diese Bogenschützin ihren Pfeil abschoss, war sie so auf das Ziel konzentriert, nichts brachte sie draus. Erst fokussierte sie ihre Gedanken aufs Ziel, der Pfeil folgte der Spur der Gedanken. Klare Gegenwärtigkeit und Aufmerksamkeit verlieh ihr eine unglaubliche Ausstrahlung.

In ihrer Körperhaltung kannst du so deutlich ablesen, wie sehr sie bei sich ganz in ihrer Mitte und gleichzeitig mit der gesammelten Konzentration ganz im Zielpunkt ist.

Sie ist ein perfektes Beispiel dafür, was Fokus und Konzentration bedeutet.

 


Hast du noch eine Frage? Dann schreibe mir. Wie immer schreibe ich vom Blickpunkt der Erzählkunst, doch kannst du vieles auf alle möglichen Berufe und Situationen im Leben übertragen.

Mir hilft Fokus so oft im Leben:

vom Autobahnstau, Erzählen, übers Schwitzen im Kostüm, bis zur Zahnbehandlung…

 

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