Sind Märchen und Mythen Aberglaube?

Aberglaube – Sind Märchen und Mythen Aberglaube?

Als hauptberufliche Erzählerin interessiere ich mich sehr für Erzähltraditionen der Welt. So sammeln sich in meinem Repertoire viele außereuropäische Märchen und selten gehörte Mythen, die ich u.a. seit 10 Jahren im Völkerkundemuseum (Linden-Museum, Stuttgart) erzähle. Sind diese Märchen und Mythen Aberglaube? Mit dieser Frage werde ich in letzter Zeit immer wieder konfrontiert.

Häufig werde ich von Kirchengemeinden engagiert, um dort Schöpfungslegenden aus anderen Kulturen zu erzählen.

Doch seit einiger Zeit beobachte ich bei Veranstaltern, die mich engagieren wollen, vermehrt Vorbehalte gegenüber meinem Repertoire von traditionellen Geschichten aus anderen Kulturen.
In letzter Zeit hörte ich zum Beispiel:
Ein Pfarrer:

Ist schon komisch, dass ich von der Kanzel herunter Geschichten von Schamanen ankündigen muss…

Vor einer Familienfeier:

 ...es sollen keine Schöpfungslegenden sein, die unsere Kinder in ihrer religiösen Erziehung durcheinander bringen…“

„Ich will aber keine Märchen mit Geistern, Naturreligion und so was…“
„Was interessiert Sie denn von meinem Repertoire?“
„Na, was bodenständiges.“
„Was verstehen Sie denn unter bodenständig? Könnten Sie mir das bitte näher erklären?“
„Bodenständig, deutsches eben.“
„Grimms Märchen?“
„Ja, die wären in Ordnung.“

Sind traditionelle Geschichten aus anderen Erzählkulturen ein Angriff auf die christliche Religion? Sind sie Aberglaube?

 

Was ist Aberglaube?

 Irrig angesehener Glaube an die Wirksamkeit übernatürlicher Kräfte in bestimmten Menschen und Dingen „ (Zitiert von http://www.duden.de/rechtschreibung/Aberglaube Zugriff am 25.04.2014)

Als Synonyme werden im Duden u.a. angeführt: „Geisterglaube, Gespensterglaube, Wunderglaube, Irrglaube, Superstition, Afterglaube, Volksglaube“

Der Aufruf zur Blogparade zum Thema „Aberglauben“ ließ mich gleich an die oben erwähnten Gespräche denken. Denn offenbar scheint es für manche Zeitgenossen eine direkte Verbindung zwischen den Märchen und des Aberglaubens zu geben.

Je länger ich an diesem Artikel schreibe und mir Gedanken mache, desto mehr wächst meine Abneigung gegen den Begriff „Aberglaube“.

Mich stört vor allem der Versuch durch Abwertung (Afterglauben) alle gleich zu schalten. Aberglaube steht konträr zum vorherrschenden Glauben einer Gesellschaft.

•    Vorherrschender Glaube ist „richtig“
•    Anderer Glaube ist rückständig, falsch, veraltet, also Afterglaube oder Aberglaube.

 

Märchen und Glaube

Ich sehe beim Umgang mit Märchen durchaus einen Bezug zum Glauben, zur Religion. Es gibt eine grosse Zahl von Märchenliebhabern und Märchenerzählerinnen, die eine tiefe Verehrung für Märchen empfinden. Eine Verehrung, die oft ans religiöse grenzt.

Märchen werden z.B. häufig von der Esoterikszene vereinnahmt und vermarktet. Oft werden sie als ultimative universale Wahrheiten gesehen. Jedes noch so kleinste Element des Märchens wird symbolisch gedeutet und auf die psychologische oder spirituelle Ebene gehoben.

 

Auch beim Begriff „Märchen“ gibt es Gegensätzlichkeiten. Die Meinungen gehen auseinander:

•    Märchen sind universale Wahrheit: „Märchenhaft“ bedeutet so viel wie „wunderbar, unglaublich schön, traumhaft, fantasievoll“.
•    Märchen sind Lüge, Fantasie: „Einer erzählt Märchen“, dann soll das heißen, dass er lügt oder übertreibt. „Erzähl doch keine Märchen!“ In Zeitungen nutzt man gerne den Begriff „Märchen“ in Schlagzeilen über Politik.

Wie im „Aberglauben“ zeigt sich in Mythen, Märchen und Legenden vieles, das nicht dem vorherrschenden Glauben unserer Gesellschaft entspricht. Spuren von Volksglauben, uralter Traditionen und Bräuchen kann man erkennen. Wie Märchen die Welt und Natur erklären, entspricht nicht gerade der heutigen Wissenschaft.

 

Grimms Märchen und die Religion

Seltsamerweise wurden in den, eingangs erwähnten, Gesprächen mit meinen Veranstaltern die Märchen der Brüder Grimm ausgeklammert.

Grimms Märchen mit ihren Hexen, Zwergen und so manchen vorchristlichen Elementen scheinen weniger bedrohlich als Geschichten aus anderen Kulturen. Offenbar hat man sich an die Reste von „Aberglaube“ in Grimmsmärchen gewöhnt und lebt damit, wie mit dem -ursprünglich „heidnischen“- Weihnachtsbaum.

 

Fremdes macht offenbar mehr Angst

Märchen aus anderen Kulturen werden anders bewertet, bei Vertrautem werden alle Hühneraugen zugedrückt.

Sicherlich spielt dabei eine Rolle, dass die Brüder Grimm die einzelnen Märchen mit christlichen Moralvorstellungen versehen haben. Die Brüder Grimm empfanden ihre Arbeit als religiösen und erzieherischen Auftrag. Sie stammten aus einem evangelischen Elternhaus: sowohl Großvater und Urgroßvater waren Pfarrer in reformierten Gemeinden.

Die Märchen der Brüder Grimm und die Luther-Bibel sind die bekanntesten Bücher der deutschen Kulturgeschichte. Grimms Märchen sind übersetzt in rund 160 Sprachen und weltweit verbreitet.

Mir fällt auf, dass in Ländern, in denen lange und massiv missioniert wurde, Grimms Märchen weit verbreitet sind und sich in das Erzählerbe der Region tief eingegraben haben. Die Bibel in der einen und die Hausmärchen der Brüder Grimm in der anderen Hand? Kam es so zu dieser weltweiten Bekanntheit?

 

Zensierte Erzähler

Mir bereitet diese Angst vor dem Fremden Sorge.

Das erinnert mich an die Situation, der viele meiner KollegINNen in USA konfrontiert sind. Zum Beispiel kann eine Erzählerin nicht ohne weiteres traditionelle japanische Mythen erzählen, in denen Hexen oder Geister vorkommen.

Wenn sie in Schulen als Profierzählerin auftreten will, muss sie ihr Geschichtenrepertoire einer Prüfungskommission vorliegen, die die Geschichten beurteilt und eventuell einiges zensiert. Die Kommission beurteilt Theaterstücke, so dass den Vorstellungen christlich-fundamentalistischer Gruppierungen Rechnung getragen wird.

Ich hoffe, dass diese neuerlichen Bedenken von Veranstaltern, die ich erlebe, kein Hinweis darauf sind, dass in Deutschland auch solche, alles Fremde ausgrenzenden, Tendenzen Auftrieb bekommen.

 

Märchen sind Kulturerbe

Ob Märchen Aberglauben sind oder nicht, ob altes Wissen, befremdlich, zeitgemäß oder angstbesetzt.

Eines ist sicher:
Märchen und Volkserzählungen sind Weltkulturerbe.

Nicht umsonst hat die UNESCO sie in die Liste des immateriellen Kulturguts aufgenommen.

Und es lohnt sich, über den Tellerrand zu schauen und sich mit dem Erzählerbe anderer Kulturen zu beschäftigen und von dem zu lernen, was andere Völker zu sagen haben.

Warum Angst vor dem Anderen und Fremden? Solange ich nichts darüber weiß, macht es Angst. Ich denke, gerade das Kennenlernen anderer Weltsichten ermöglicht, dass ich die Dinge erkennen kann, wie sie sind. Ich muss sie weder interpretieren, noch verurteilen. Nähere ich mich wertfrei an, dann irritiert es nicht mehr.

Natürlich zeigen sich der Glaube und die Weltsicht einer Kultur in ihrer Mythologie und ihren Märchen. Wie in deutschen Märchen christliche Elemente eingeflossen sind, findet man in anderen Kulturen eben den Einfluss dortiger Glaubensvorstellungen.

Wenn ich Geschichten und Märchen aus anderen Kulturen erzähle, dann vermitteln sich immer auch religiöse Werte und Bilder durch diese Märchen.

Wir können nicht davon ausgehen, dass alle Menschen das selbe glauben – und das ist gut so. Menschen sind verschieden, jede Region der Welt hat ihre ureigenste Geschichte, die ihre Geschichten prägte, ihre Werte, ihren Glauben und Weltsicht. Das ist der wahre Reichtum der Welt.

Geschichten aus anderen Kulturen bereichern unser Verständnis der Welt. Sie lassen das Mensch-sein verstehen.

 


Dies ist mein Betrag zur Blogparade des Universalmuseum Joanneum, Graz

 

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6 Comments

  • Also ich bin ja ein Fan von japanischer Kultur und höre auch sehr gern Geschichten und Legenden. Ich finde es nicht schlimm, wenn meine Tochter Geschichten aus anderen Kulturen kennenlernt. Solang ihr klar ist, dass es sich letztlich alles um Fantasie handelt, nur eben jedes Mal anders erzählt, finde ich das in Ordnung.

    • Gerade das ist doch gut, wenn Kinder über Geschichten mit der Welt und den unterschiedlichen Lebensweisen vertraut werden. Wobei in vielen Kulturen nicht alles, das uns fantastisch erscheint, auch dem Reich der Fantasie angehört, sondern oft einen sehr realistischen Bezug hat. Wenn die Kinder mich fragen, ob die Geschichten wirklich sind, dann antworte ich oft mit einer Frage: „Wenn Du träumst, ist der Traum dann wirklich für Dich?….Genauso ist es mit den Geschichten…“

  • Märchen und Sagen finde ich unglaublich spannendes Kulturgut. Durch das Erzählen und Weitertragen und neu aufschreiben und wieder weitergeben bleibt eine Kultur lebendig und die Geschichten sind auch heute noch in den Köpfen. Das ist doch toll zu sehen womit sich unsere Vor-, Vor-, Vorfahren beschäftigt haben und wie uns heute diese Geschichten noch gleichermaßen faszinieren.
    Märchen und Geschichten aus anderen Kulturen bringen sicherlich keine religiöse Erziehung durcheinander, im Gegenteil. Durch die Auseinandersetzung mit „dem Anderen“ lernt man als Kind doch erst das eigene zu bewerten. Danke für diese interessanten Gedanken heute Abend.

    • Du sprichst mir aus dem Herzen, liebe Anke! Ich meine auch, dass wenn ein Kind in seiner religiösen Erziehung durch andere Weltsichten durcheinander kommt, dann ist was in der religiösen Erziehung falsch gelaufen. Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass wir Menschen alle etwas voneinander lernen können.

      • Die ablehnende Haltung zeigt doch nur die generelle Angst ständig etwas falsch zu machen. Die Angst, dass irgendetwas für das Kind verstörend oder nicht richtig sein könnte. Mir haben früher Geschichten und Märchen aus anderen Ländern und Kulturen sehr gut gefallen. Ich hatte ein Kinderbuch „Weihnachten in anderen Ländern“. Dort haben Kinder die jeweiligen Weihnachtsbräuche ihres Landes vorgestellt. Ja, ich fand die Hexe Befana, ein Brauch aus Italien, durchaus ein wenig beängstigend. Aber das kann auch an meiner großen Fantasie und der etwas gruseligen Illustration gelegen haben. Aber es hat mich nicht geschädigt, sondern dazu animiert Fragen zu stellen. Fragen stellen, statt nur Antworten zu konsumieren
        so sollte es sein.

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