Soll ich von Beruf Märchenerzählerin werden? (Teil 1)

Soll ich von Beruf Märchenerzählerin werden? (Teil 1)

Seit ich im Internet präsent bin, fragen mich immer wieder Besucher meiner Website, ob sie von Beruf Märchenerzählerin werden sollen.

Was soll ich auf so eine Frage antworten, ohne die Person zu kennen oder sie als Erzählerin erlebt zu haben?

Doch wenn ich gefragt werde, dann versuche ich auch zu antworten. Viele Notizen für den folgenden Text habe ich mir nach solchen Gesprächen gemacht. Es tauchen dabei immer wieder ähnliche Themen auf – vielleicht kann ich auch dir mit dieser Artikelserie (Teil 1-3) bei deiner Suche nach Antworten weiter helfen.

 

Realistisch sein und nichts verklären

Immer wieder stelle ich fest, dass hauptsächlich die schöne, märchenhafte Seite des Erzählerberufs gesehen wird. Die Schattenseiten sind wenig bekannt und es wird auch selten in der Öffentlichkeit darüber gesprochen. Deshalb lass uns mal anschauen, wie die Realität aussieht. 

Da Licht ohne Schatten, Schatten ohne Licht nicht existieren, will ich hier im Blog, auf Ethnostories, über beide Seiten erzählen.

 

Artikelfoto: Beruf Märchenerzählerin - ein Traumjob

 

Raus aus der Tretmühle: Spielen statt arbeiten

Du denkst, die Freiheit winkt, sobald du deinen Job an den Nagel hängst und von Beruf Märchenerzählerin bist?

Die Arbeit ist dann Spiel – Spielen ist Arbeit ? Und du wirst immer freudig an die Arbeit gehen?

Du träumst davon, deinen Job aufzugeben, frei zu sein und von dem zu leben, was du gerne machst.

Erzählerin sein ist eine wunderbare Lebensaufgabe. Ein Leben in der Kunst, dein Hobby ist dein Beruf, keine Trennung zwischen Arbeit und Leben, die Möglichkeit sich künstlerisch auszudrücken und auch noch davon zu leben.

Du bist dein eigener Chef, kannst deine Zeit selber einteilen und entscheiden, was und wann du arbeitest. Als Erzählerin bist du viel unterwegs, kannst dich intensiv mit Mythologie beschäftigen und Geschichten aus der ganzen Welt kennen lernen, nach Märchen suchen, viel lesen und stehst dann vor einem – hoffentlich begeisterten – Publikum mit glänzenden Augen.

Du fragst mich, ob du es wagen sollst?

Klar, versuchs! Erst wenn du es versucht hast, kannst du sagen, ob dir der Beruf Märchenerzählerin passt.

Doch erwarte nicht, dass du im Beruf Märchenerzählerin auf Rosen gebettet durch ein Leben schwebst, das sich nach Dauerurlaub anfühlt.

 

Artikelfoto: Beruf Märchenerzählerin - ein Traumjob

 

Von Beruf Märchenerzählerin: Freischaffend und kreativ

Sobald du deinen Alltagsjob los hast, kannst du all deine Kraft auf die Erzählkunst konzentrieren. Du kannst es kaum erwarten, bis dein Künstlerleben beginnt. Endlich hast du genügend Zeit und deine Kreativität kann endlos fliessen.

Das wird so sein – und auch nicht!

Du wirst Zeiten haben, in denen du Abends zufrieden ins Bett fällst, mit dem Gefühl etwas erschaffen zu haben. Es ist wunderbar, wenn sich nach langer Recherchezeit alles zusammenfügt und ein neues Erzählprogramm entsteht.

Zu anderen Zeiten sei gewiss, dass es genügend Ablenkungen gibt, die dich vom Gestalten abhalten. Du verhedderst dich in der Weite des Internets, verlierst dich auf Facebook. Freunde tauchen zu jeder Tageszeit auf, rufen an und halten dich von der Arbeit ab. Du bist ja zu Zeiten daheim, wenn alle anderen arbeiten.

Selbst wenn du mehr Zeit hast, heißt das nicht, dass du kreativer bist, mehr gestaltest, schreibst und erzählst.

Die Tage vergehen schnell – ob du künstlerisch arbeitest oder nicht.

Oft wirst du darum kämpfen müssen, dich aufraffen und selber motivieren.

Du kannst Zeiten erleben, in denen du das Gefühl hast nicht weiter zu kommen. Deine Kreativität ist ausgetrocknet, keine Aufträge kommen herein, du merkst, dass es doch nicht so einfach ist mit Märchenerzählen Geld zu verdienen. Du fragst dich, ob du deine Geschichte gut erzählst, ob dein Repertoire attraktiv genug ist und ob du nicht weiter lernen solltest. Deine Selbstzweifel wachsen ins Unendliche, alle Energie und Zuversicht scheint verschwunden.

Da gilt es beharrlich zu sein, nicht aufzugeben und dranzubleiben.

 

Artikelfoto: Beruf Märchenerzählerin - ein Traumjob

 

Selbstbestimmt arbeiten

Sicher, du kannst deine Termine selber bestimmen. Du kannst frei mit deiner Zeit umgehen. Morgens kannst du später aufstehen. Reisen, ein Buch lesen und Besuche machen, wann du willst.

Tatsächlich wirst du, mit großer Wahrscheinlichkeit, mehr arbeiten als früher in deinem 8-Stunden Job.

Wie gesagt, es gibt keine Trennung von Leben und Arbeit. Die typischen Tage einer Aufführung sind lang. 12-15 Stunden-Tage sind bei mir keine Seltenheit. Das Wort Feierabend wird immer weniger Bedeutung für dich bekommen.

Geregelte Arbeitszeiten ade – unvorhersagbare Arbeitszeiten statt dessen.

Was immer du tust, wirst du für deine Arbeit nutzen. Zum Beispiel habe ich stets einen Notizblock griffbereit, damit ich Ideen, Worte, Gedanken notiere für meine Geschichten.

Auch meine Reisen sind kein Urlaub. Sie sind mir Inspiration für die Kunst und ich nutze sie für Fortbildungen oder/und intensive Recherche.

 

Artikelfoto: Beruf Märchenerzählerin - ein Traumjob

 

Arbeiten, wenn andere Freizeit haben

Vergiß nicht, ein Großteil der Aufführungen finden zu der Zeit statt, wenn die meisten Leute Freizeit haben. Also Abends, Nachmittags und am Wochenende.

Deine Arbeitszeiten werden unregelmäßig verteilt sein. Routine kommt da kaum auf. Da wird es auch kompliziert wöchentliche Termine, wie z.B. von einem Tanzkurs, regelmäßig zu besuchen.

Es wird also schwierig für dich werden, Freunde zu treffen, die nur am Wochenende Zeit haben. Bei mir veränderte sich dadurch der ganze Freundeskreis. Plötzlich traf ich mich nur noch mit Freiberuflern, die einen ähnlichen unregelmäßigen Arbeitsrhythmus haben.

 

Fortsetzung :

Im Teil 2 der Artikel-Serie „Soll ich von Beruf Märchenerzählerin werden?“ geht es weiter über das Unterwegssein und das Auf und Ab des Künstlerlebens

 

Lesetipp:

Raymond Unger: Die Heldenreise des Künstlers: Kunst als Abenteuer der Selbstbegegnung *

Jeff Goins: Real Artists Don’t Starve *

Dianne de Las Casas: The Story Biz Handbook: How to Manage Your Storytelling Career from the Desk to the Stage * ( … ist von 2008, manches ist deshalb schon ein bisschen veraltet, trotzdem recht informativ. Vor allem kenne ich nichts vergleichbares auf deutsch. )

* bei Amazon anschauen Wenn du über diese Links bei Amazon einkaufst, bekomme ich eine kleine Provision. Du bezahlst bei deinem Einkauf keinen Cent mehr. Doch kannst du mich unterstützen, damit ich die Unkosten dieses Blogs abdecken kann.

 

Mehr zum Thema:

 

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4 Comments

  • Ja, … dies trifft aber für viele kreative, selbstständig arbeitende unter uns zu. Ich bin Gärtnerin und wir haben eine eigene Gärtnerei mit dazugehörendem Geschäft. Viele sagen mir: Du hast es so schön, den ganzen Tag nur um Blumen herum, du wohnst hier in einem Paradies….. etc. Tja, das Paradies schaut nicht zu sich selbst, es gießt sich nicht von allein (auch nicht an heißen Sonntagen) und es wechselt auch nicht von selber vom Frühlings zum Sommer und zum Herbst und Winterflor. Die Einrichtung des Ladens stellt sich nicht selber auf und manch kleiner oder Grösserer Kundenwunsch erfüllt sich nicht von selbst…. egal wie man gesundheitlich gerade drauf ist. Nein… der Weg in die Selbstständigkeit sollte wohl überlegt werden. Denn das heißt: Niemand außer dir selber ist Schuld daran wenn es nicht klappt…. und selbst wenn, was nützt es Dir? Falls Du es jedoch versuchen willst, und Du bereit bist Opfer für Deine Sehnsüchte und Ideen zu bringen….. JA. Dann lohnt es sich.

    • Da haste allerdings recht, Yvonne! Es trifft vieles für Selbstständige, Freelancer und Künstler aller Sparten zu. Ich habe es als Antwort geschrieben auf die Frage, die mir immer wieder gestellt wird, deshalb nur auf „Märchenerzählerin“ bezogen.

  • Soll i, soll i net, soll i… ich find auch, wer nix versucht kann nix rausfinden… und stimmt… ein Kurs und Alle meine Entchen sitzt, aber es gibt noch mehr als „Kinderlieder“ und an denen heißt es arbeiten – knabbern – durchbeißen – manchmal für manche sicher auch Zähne ausbeißen!

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