Soll ich von Beruf Märchenerzählerin werden? (Teil 2)

Soll ich von Beruf Märchenerzählerin werden? (Teil 2)

Schon im Teil 1 dieser Artikel-Serie habe ich betont, dass es wichtig ist, den Beruf der Märchenerzählerin nicht zu verklären und zu idealisieren. Es ist gut, wenn du auch die Schattenseiten kennst, dann bist du darauf vorbereitet, falls du dich für diesen Beruf entschließt.

Übrigens vieles, von dem ich hier berichte, gilt nicht nur für den Beruf der Märchenerzählerin, sondern auch für Freelancer, Selbstständige und freischaffende Künstler aller Sparten. Du könntest also einfach den Begriff Märchenerzählerin umändern in: Puppenspieler, Schriftstellerin, Blogger, Malerin, Yogalehrer, Bildhauer…

 

Abenteuerliches freies Leben heißt: flexibel sein

Sei darauf gefasst, dass du dich immer wieder auf neue Situationen einstellen und dich völlig neu erfinden wirst.

Plötzlich sagt dein Veranstalter alle Termine ab. Die geplante Erzählreihe, die dir 2 Jahre regelmäßige Einnahmen gebracht hätte, ist wegen Sparmaßnahmen gestrichen. Oder du hast monatelang an einem neuen Erzählprogramm gearbeitet und keiner engagiert dich damit.

Wenn du merkst, dein bisheriges Angebot verkauft sich nicht mehr, musst du schauen, was du statt dessen anbieten kannst.

Verlust und Gewinn liegen immer nah beieinander.

Zeiten verändern sich. Vor Jahren war es z. B. noch relativ einfach unter der Woche Kinderveranstaltungen am Nachmittag zu machen. Heute haben Kinder die Kernzeitbetreuung oder sind in einer Ganztagesschule. Die wenige verbleibende Freizeit ist meist schon völlig verplant. Deshalb finden immer weniger Aufführungen für Kinder unter der Woche statt.

Auch Niederlagen gehören zum Beruf der Märchenerzählerin.

 

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Unterwegs sein

Du wirst selten in deiner Heimatstadt genügend bezahlte Aufführungen bekommen, um davon zu leben. Da musst du deinen Radius erweitern und auch in weiter entfernten Orten auftreten. Du bist also oft auf Tour, verbringst viel Zeit im eigenen Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln. 

Bist du von Beruf Märchenerzählerin, dann ist es hilfreich, wenn du gerne reist und unterwegs bist.

Als Solo-Erzählerin, bist du auch alleine unterwegs. Das bedeutet z.B. alleine essen gehen, die ganze Wegstrecke im Auto fahren, egal wie müde du bist.

Die Leere nach der Aufführung ist immer wieder seltsam und nicht immer leicht zu ertragen. Erst umringen dich alle und wollen mit dir reden. Plötzlich ist dann niemand mehr da. Und du gehst alleine in dein Hotel.

Manchmal kann das nett einsam sein – da ist es gut, wenn du gerne alleine bist.

Oft unterwegs sein, braucht auch Lösungen, wie du Familie, Liebe, Partnerschaft und häusliche Verpflichtungen mit deiner Reisetätigkeit auf die Reihe bringst.

 

Märchenerzählerin als Veranstalterin

Statt zu reisen gibt es noch eine andere Möglichkeit: du wirst selber Veranstalterin und baust dir deinen eigenen Spielort auf.

Zum Beispiel kannst du Veranstaltungen organisieren, in deinen eigenen Räumen, einer Scheune, Jurte, im Wald, auf Erzählspaziergängen, in einem Restaurant oder einem angemieteten Raum.

Selber Veranstalterin zu sein hat den Vorteil, du bist unabhängig und brauchst nicht viel zu reisen.

Doch hast du dann, neben deinem Beruf als Märchenerzählerin, noch einen weiteren Job: du bist auch Veranstalterin und Gastgeberin.

Statt Zeit unterwegs zu verbringen, kümmerst du dich jetzt um die Programmgestaltung, bereitest den Raum vor und verschickst Einladungen. Kaum ist das eine Halbjahresprogramm gedruckt und ausgeteilt, musst du schon das nächste entwerfen.

Um einen eigenen Veranstaltungsort aufzubauen, braucht es regelmäßige Aufführungen an einem attraktiven Ort, ein abwechslungsreiches Programm für Kinder und Erwachsene, genügend Erzählprogramme im Repertoire, Freude am Kontakt mit vielen Menschen, gute Werbung… und last not least, eine stattliche Liste von Interessenten, damit du immer genügend €innahmen hast.

 

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Finanzielles Auf und Ab

Weihnachtsgeld? Feierabend? Leben mit einem geregelten Tagesablauf?

Tschüs und Ade!

Bezahlter Jahresurlaub? Den Luxus haben wir nicht.

So habe ich gelernt, dass alles, was ich mache, Teil meiner Arbeit wird. Wenn ich verreise, dann recherchiere ich sogleich für neue Geschichten.

Je nach deinem Repertoire gibt es Monate mit vielen Aufführungen – also mit €innahmen – zwischen denen du kaum zum Aufatmen kommst.

Und es gibt, endlos scheinende, Flautezeiten voller Arbeit – doch ohne €innahmen. Diese mageren Wochen und Monate wirst du irgendwie überbrücken müssen.

Deshalb frage dich, ob du mit dem Geld gut wirtschaften, sparen und auch einige Zeit von deinen Rücklagen leben kannst.

 

Freischaffend, nicht ohne Stress

Unsere Auftragslage wechselt im Jahreslauf. In den Ferienzeiten habe ich zum Beispiel nur wenige Auftritte. Das sind dann Wochen, in denen ich reise und in der Welt recherchiere, an einem neuen Erzählprogramm arbeiten kann, Orte besuche, die mich künstlerisch inspirieren,  oder, wie diesen Sommer, meine Website überarbeite.

Wenn nach den Sommerferien alle wieder im Alltag gelandet sind, dann geht es auch für mich mit mehr Auftritten los. Dann aber richtig! Erst in den Tagen vor Weihnachten wird es dann ruhiger.

Immer wieder gibt es auch stressige Zeiten, die du durchleben wirst.

Sei es, dass eine Zeitlang wenige Aufträge herein kommen – oder zu viele auf einmal.

Bist du krank und Aufführungen fallen aus, bekommst du auch kein Honorar. Sorge also gut für dich und deine Gesundheit, so dass du möglichst selten eine Aufführung absagen musst.

Manchmal kann es ziemlich beängstigend sein, wenn dein Lebensunterhalt ganz von deiner Schaffenskraft und Kreativität abhängt.

 

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Das Glück gestalten zu können und seine Gefahren

Du bist begeistert, bist mit dem ganzen Herz dabei, stürzst dich in die Arbeit, bist glücklich gestalten zu können.

Die Zeit vergessen in der künstlerischen Arbeit ist ein wunderbares Gefühl.

Manch einer hastet jahrelang von einem Auftritt zum nächsten, macht mehrere Auftritte am Tag – und verdient trotzdem nicht genug zum Leben. Es ist nicht einfach einen schlecht bezahlten Auftrag abzulehnen, wenn dein Geldbeutel leer ist und du jeden €uro brauchst. Da arbeitet so mancher Künstler über seine Kräfte.

Diese Schattenseite des Künstlerlebens beobachte ich leider immer wieder in meinem Kollegen- und Freundeskreis. Es macht mich immer wieder betroffen, dass sogar Künstlerinnen, die vor Energie strotzen, in einen Burnout hinein schliddern.

So bin ich mir der Gefahr eines Burn-out sehr wohl bewusst und achte auf eine Balance zwischen Phasen, in denen ich mit voller Energie gestalte und Phasen der Erholung. Intensive Arbeitsperioden liegen mir sehr, doch brauche ich dann wieder Zeiten der Muße, in denen ich auftanken kann.

Auch als freischaffende Märchenerzählerin brauchst du eine Balance zwischen Erholung und Arbeit

 

Fortsetzung folgt:

Im Teil 3 der Artikel-Serie „Soll ich von Beruf Märchenerzählerin werden?“ geht es weiter über Geduld, Hingabe für den Beruf der Märchenerzählerin – Und, wie immer freue ich mich über deine Fragen und Kommentare!

 

Lesetipp:

Raymond Unger: Die Heldenreise des Künstlers: Kunst als Abenteuer der Selbstbegegnung *

Jeff Goins: Real Artists Don’t Starve *

Dianne de Las Casas: The Story Biz Handbook: How to Manage Your Storytelling Career from the Desk to the Stage * ( … ist von 2008, manches ist deshalb schon ein bisschen veraltet, trotzdem recht informativ. Vor allem kenne ich nichts vergleichbares auf deutsch. )

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mehr zum Thema:

 

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2 Comments

  • Liebe Uschi,
    mal wieder hast Du es in Deinem Blog wunderbar auf den Punkt bzw. auf die Punkte gebracht. Insbesondere die Ganztages-Betreuung in den Schulen und die darauf zurückzuführenden rückgängigen Besucherzahlen bei Kulturveranstaltungen u.d.W. bzw. weniger Aufträgen bei den selbigen bekomme ich in den letzten Jahren auch deutlich zu spüren.
    Vielen Dank für Deinen Blog!
    Beste Grüße
    Sigrid Maute

    • Danke Sigrid, du treue Leserin! Ja, durch die Ganztagsbetreuung haben alle Erzähler, Kindertheater, Puppentheater, etc. Einnahmeeinbußen. Ich vermute, dass sich deshalb auch viele auf „Theater für die Allerkleinsten“ stürzten. Die Kinder sind nun länger in der Schule, nur leider haben die Schulen immer noch keinen Etat, um Theater in die Schule einzuladen. Wenn ich in einer Schule engagiert werde, hängt das immer an wenigen engagierten Lehrern, Eltern oder dem Förderverein der Schule.

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