Storytelling und eine Geschichtenerzählerin

Storytelling und eine Geschichtenerzählerin

Vor einiger Zeit hat mich die Präsentationsexpertin Nicole Gugger  interviewt: es ging um die Methode Storytelling und das Erzählen als Kunstform. Nicole hat mir netterweise erlaubt, das Interview auch hier auf Ethnostories zu veröffentlichen.

 

Storytelling ist ein echter Hype – wir dürfen nicht mehr informieren, sondern sollen alles in Geschichten verpacken. Ich bin da ein wenig skeptisch und so habe ich mal bei einem Profi nachgefragt.

Liebe Uschi, bei der Blogparade „Kreativität für alle“ sind wir uns schon vor einer ganzen Weile über den Weg gelaufen.

Inzwischen hatte ich das Vergnügen dich live und in Aktion zu erleben. Du erzählt unglaublich spannend, bildhaft und bewegt – im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Faszination Storytelling wird dabei greifbar und zeigt gleichzeitig wie groß die Unterschiede sind. Ist Storytelling als Methode für uns alle realistisch? Ein Ingenieur, der dem Abteilungsleiter die Vorzüge eines neuen Automatikgetriebe-Bauteils im Rahmen einer Präsentation anpreisen soll, hat da erfahrungsgemäß einiges einzuwenden. Mich interessiert brennend deine Meinung dazu.

 

Du bist professionelle Geschichtenerzählerin und was Du machst, ist große Kunst. Was ist der Unterschied zum Storytelling?

Oh, vielen Dank! Das freut mich sehr, dass dir meine Arbeit gefällt! Sie ist der heutige Stand meiner Lebensreise durch die Kunst und vieles ist das Resultat jahrelanger Feinarbeit und Training.

Manchmal fürchte ich, daß dieser Hype um Storytelling wie so vieles in unserer Zeit eine Modeerscheinung ist. Erst in aller Munde und wenn dann der nächste Hype kommt, stürzen sich alle auf das nächste. Was dann übrig bleibt ist ein verbranntes Feld, mit dem wir Erzählkünstler dann leben müssen. Immer wenn etwas als „Methode“ bezeichnet wird bin ich skeptisch.

Die Methode ist der Weg zu einem Ziel. Mir ist der Weg um des Weges willen wichtig.

Den Unterschied zur professionellen Erzählerin macht in erster Linie, dass sie es tut und andere oftmals nur davon reden und träumen. Als Profierzählerin widme ich meine Zeit, Arbeit und Energie dem Erzählen. Wenn man etwas gut machen will und eine Leidenschaft dafür hat, dann braucht das seinen Fokus.

Natürlich kann jeder, der sprechen kann auch erzählen. Fragt sich nur, wie er erzählt. Das kann auch sehr langweilig sein, so dass niemand gerne zuhört. Andere wiederum können fantastisch erzählen, ohne es jemals gelernt zu haben.

Ich denke ein grosser Unterschied zwischen mir und anderen Storytelling-Usern ist, dass es mir hauptsächlich um die Kunst des Erzählens geht, um dieses Eintauchen in die Bilderwelt. Erzählen ist mir nicht Mittel zum Zweck, sondern „L´art pour l´art“, Kunst um der Kunst willen. Inhaltliches ist mir zweitrangig. Märchen mit einer offensichtlichen Moral mag ich meistens nicht.

 

Artikelfoto: Storytelling und eine Geschichtenerzählerin

 

Wann sollte man denn lieber die Finger davon lassen?

Wenn der einzige Antrieb zum Erzählen der Herdentrieb ist. Weil alle das machen, weil „man das heute tut“, weil Storytelling als die ultimative Lösung für Erfolg, Marketing, persönliche Entfaltung, Psychotherapie, Unterricht, Bildung, etc. etc. angepriesen wird.

Gutes Erzählen und Storytelling kostet Zeit und Mühe. Und es braucht Training. Ich denke, wenn man nicht bereit ist Zeit dafür aufzuwenden, dann sollte man es lieber lassen und/oder das Erzählen einem Profi überlassen. Kaum ein Unternehmer würde auf die Idee kommen, obwohl er als Kind ein paar Jahre Blockflöte lernte, für einen Werbespot selber die Musik zu komponieren.

 

Wie kommt man auf Ideen?

Schau den Leuten auf den Mund, beobachte, wie sie erzählen.

Ideen kannst du überall finden

Ich höre gerne zu, wenn ich im Zug sitze, im Café…wenn ich lese oder fernsehe, stets liegt ein Notizblock neben mir. Ich bin immer auf der Suche, alles was ich sehe, erlebe, höre, ist Stoff für Ideen.

Immer überlege ich wertfrei: was kann ich damit machen.

Obwohl ich ja grossteils traditionelle Geschichten aus Kulturen der Welt erzähle, denke ich dass du Geschichten überall findest. Es müssen nicht immer Aesops Fabeln oder Grimms Märchen sein. Auf Facebook lese ich immer wieder interessante Geschichten, in Blogs oder Projekten, wie zum Beispiel dem Strangersproject.

Frage dich, was ist es weshalb ich dieser Person gerne zuhöre und weshalb langweilt die andere mich?

Ich habe zum Beispiel viel von meiner Nachbarin gelernt. Sie erzählte voller Inbrunst, riß einen mit, so dass ich mir ganz genau vorstellen konnte, was sie erzählte. Ich beobachtete sie wie ein Adler…

Ich bin sicher, sie hatte nicht alles so erlebt, wie sie es erzählte. Sie ging beim Erzählen aber so „hinein“ in die Story und den Dialog, sie erlebte beim Erzählen alles neu und so „ging bei ihr der Gaul durch“.

Ganz sicher fügte sie so manches hinzu, ließ anderes weg. So formte sich ihr reales Erlebnis zu einer Geschichte.

Je öfter sie ihr Erlebnis erzählte, je besser wurde die Geschichte. Dass Dichtung und Wahrheit dabei nah beieinander lagen, war unwichtig.

Sie war eine großartige Erzählerin.

Dann war da dieser Mann, der mir auch viel lehrte. Er langweilte mich unendlich mit seinen Erzählungen über die Filme, die er im Kino gesehen hatte. Seine Erzählung war eher ein Bericht und eine Aneinanderreihung von Fakten. Emotionslos vorgetragenen, wie ein Nachrichtensprecher im Fernsehen, objektiv „über“ den Film erzählt, mit monotoner Stimme. Dabei ging es in dem Film um Emotionen, dabei lebte der Film von souveränen Umgang mit Zeit.

 

Artikelfoto: Storytelling und eine Geschichtenerzählerin

 

Wie konstruiert man eine Geschichte?

Indem du die Story am besten NICHT konstruierst. Ich halte recht wenig von all den Versuchen mittels bestimmter Regeln Geschichten zusammen zu bauen. Oft ist das Ergebnis dann nur verkrampft und nicht lebendig. Wie „Malen nach Zahlen“ auch nie ein interessantes Bild ergibt.

In schlauen Büchern steht oft: „Aufbau einer Geschichte: Anfang (Einleitung) – Mitte (Höhepunkt) – Ende (Auflösung)“ Ich sage dazu: Naja!

Ich kenne fantastische Geschichten aus indigenen Erzählkulturen, z.B. der nordamerikanischen Indianer, die keinen Anfang haben, die mitten in der Geschichte beginnen, die abrupt aufhören, so dass der Zuhörer in der Luft schwebt. Sind das dann keine Geschichten, weil sie nicht unserem gewohnten Schema entsprechen?

Meiner Erfahrung nach ist es besser, wenn du von deinem Erleben ausgehst. Zum Beispiel als Thema etwas nimmst, das du erlebt hast oder das dich geärgert hat. Je mehr Emotionen damit verbunden sind, umso besser.

Denn Geschichten bekommen ihr „Fleisch und Leben“ durch die Emotionen, die sich spiegeln in dem was in der Geschichte passiert.

Natürlich weiss ich, was ich an eine Geschichte ändern muss, damit sie griffiger und spannender wird. Doch verlangt jede Geschichte nach einer individuellen Lösung. Nach Schema-F arbeite ich nie. In manchen Fällen ist es auch hilfreich, wenn du dir Hilfe von aussen holst. Meine Erfahrung vom Unterrichten und als Regisseurin zeigt mir, dass jemand, der Erfahrung hat mit dem Erzählen, oft schnell erkennen kann, was fehlt oder geändert werden sollte.

 

Was ist Dein wichtigster Tipp für uns?

  • Erzähle die selbe Geschichte immer wieder.
  • Beobachte wie die Zuhörer reagieren.
  • Spiele mit der Zeit, mit den Worten.
  • Lerne die Geschichte nicht auswendig und klebe nicht an den Worten.
    Stelle dir genau vor, was du erzählst. Beschreibe den Zuhörern, was du siehst in deiner Vorstellung. Und glaube daran, lass die Vorstellung für die Dauer der Erzählung ganz real werden.
  • Nimm Dir Zeit beim Erzählen. Die meisten sind viel zu schnell und eilen dem Ende zu. Gerade Humor entsteht erst im richtigen Umgang mit der Zeit. Bilder brauchen Zeit um sich zu entfalten.

 

Was ist das Schönste an Deinem Beruf?

Ich geniesse es aus Nichts Welten entstehen lassen.

Am schönsten ist, wenn ich es schaffe zu inspirieren, wenn meine Zuschauer dabei mit mir „mitgehen“ in das Land, in dem die Geschichte spielt. Dass sie die Landschaft, die Charaktere, das Geschehen selber auch sehen.

Wichtiger als der Applaus sind für mich die Momente, wenn ich sehen darf, wie sich die Gesichter der Erwachsenen verwandeln. Vom skeptischen Kritiker zu einem offenen, staunenden Kind, das die Gegenwart atmet und ganz präsent ist.

 

Ganz lieben Dank, dass du dir die Zeit genommen hast!
Ich kann jedem Leser nur ausdrücklich empfehlen, nach einer Gelegenheit zu suchen Uschi Erlewein einmal live zu erleben. Mich hat es sehr beeindruckt und wunderschöne, nachhaltige Bilder hinterlassen.

Danke liebe Nicole, für dein Interesse und deine Fragen, die mich zum Nachdenken brachten! Die Begriffe Storytelling und Erzählen werden in so vielen verschiedenen Zusammenhängen benutzt, das ist ziemlich verwirrend. Deshalb finde ich es wichtig mehr über meinen Beruf und all die Formen des Erzählens zu veröffentlichen. Unser Dialog über das Thema Storytelling geht weiter …


„Storytelling und eine Geschichtenerzählerin“ ist ursprünglich am 1.9.2014 im Blog der Präsentationsexpertin Nicole Gugger erschienen.

 

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