Sie sind Geschichtenerzählerin? Und was machen Sie so beruflich?

Sie sind Geschichtenerzählerin? Und was machen Sie so beruflich?

Obwohl ich schon öfters über meinen Beruf als Geschichtenerzählerin ( z.B. Erzählen: Beruf oder Hobby? ) geschrieben habe, möchte ich die Gelegenheit beim Schopfe packen und bei der Blogparade: „Und was machen Sie so beruflich?“ mitmachen.

 

Geschichtenerzählerin – ein Beruf, so alt wie die Menschheit

Viele Beiträge der Blogparade von Wibke Ladwig ( Sinn und Verstand Kommunikationswerkstatt ) drehen sich um neue Berufsfelder, die mit dem Internet, mit Social Media entstanden ist.

Im Gegensatz dazu ist mein Beruf sehr sehr alt. Erzähler, Märchenerzähler, Geschichtenerzähler gibt es schon seit Tausenden von Jahren.

Doch auf mehr Verständnis treffe ich deswegen nicht als die Kollegen mit den neuen Berufen.

„Ach Sie sind Märchenerzählerin? Ja … und was machen Sie sonst so beruflich?“

„Ich bin Geschichtenspielerin, denn ich erzähle nicht nur, sondern spiele traditionelle Geschichten aus anderen Kulturen. Ich schreibe die Geschichten neu, erzähle frei, spreche auch mit dem Körper, improvisiere und bin ein freies Solotheater mit allem was dazu gehört.“

Kann man denn davon leben? Und was machen Sie sonst so? Das ist doch ein Hobby …“

Kaum jemand hat eine genauere Vorstellung über meine Arbeit. Wohl auch, weil ein Gutteil der Arbeit nicht in der Öffentlichkeit geschieht.

„… erzählen tun wir doch alle … Ja, zu Zeiten der Gebrüder Grimm, da gab es noch Erzähler …  ja, im Orient, dort gibt es professionelle Geschichtenerzähler, aber bei uns ?!?“

Als Erzähler, Märchenerzähler, Geschichtenerzählerin steckst du in Deutschland häufig in einer Schublade mit „Kinderkram, Gutenachtgeschichte, die Ewiggestrigen, Esoterik, Hausfrauenhobby, altmodisch …“ und ist nur von wenigen Leuten als Beruf oder Kunstform anerkannt.

Dazu kommt noch, dass der Begriff sowohl für freie Erzähler wie mich, als auch für Filmemacher, Schauspieler und für Autoren gleichermaßen benutzt wird.

All das macht, dass ich mich immer wieder erklären muss.
Dabei wäre der einfachste Weg: in eine Aufführung kommen und es erleben.

Nach dem Auftritt werde ich dann oft mit erstaunten Augen gefragt:

„Sagen sie mal, haben Sie Schauspiel studiert? Haben Sie eine Ausbildung zur Geschichtenerzählerin? Ich kann mir nicht vorstellen, dass man so erzählen kann… einfach nur so.“

Wenn ich erwähne, dass ich seit über 10 Jahren regelmäßig im Stuttgarter Völkerkundemuseum (Linden-Museum) erzähle, dann wird sofort angenommen, dass ich dort eine feste Anstellung habe.

Tatsächlich bin ich aber freischaffend als Künstlerin. Und lebe noch immer frei und schaffend!

 

Artikelfoto: Und was machen Sie so beruflich?

 

Lesung oder Erzählaufführung, das ist die Frage

Oftmals werden auch Lesungen als Erzählung bezeichnet. Immer wieder kommen Zuschauer und fragen:

„Geht es hier zur Lesung?“

Und sind dann entsprechend überrascht, wenn ich ohne Buch, ohne Stuhl und Leselampe auf der Bühne stehe und frei erzähle, singe, mit der Stimme spiele, Geräusche mit den Mund erzeuge. Und das alles ohne große Multimedia Show, ohne technische Geräte. Sondern hauptsächlich mit dem, was ich immer mit mir trage: meiner Stimme, meinen Körper, meinem Sein.

„Da steht die einfach hin, beginnt zu spielen und zu erzählen…und nimmt uns mit in andere Welten.“

„Manchmal verschwinden sie ganz und man sieht nur noch, was sie erzählen…“

Bei Absprachen mit Veranstaltern betone ich immer, das ich eine freie Bühne oder einen leeren Platz im Veranstaltungsraum brauche, weil ich im Stehen erzähle und mit Körpersprache arbeite.

Komme ich dann am Veranstaltungsort an, ist dieser Raum gefüllt:

Ein Tisch mit Leselampe und ein Stuhl. Wie bei einer Lesung. Oder es steht ein riesengroßer Schaukelstuhl für die „Märchentante“ auf der Bühne.

 

Neuerzählung

Selbst Leute, die mich und meine Arbeit seit Jahren kennen, sind noch immer überrascht, dass ich nicht eine Geschichte aus einem Buch nehme und auswendig lerne, sondern sie selbst schreibe und inszeniere.

Die Form, in der ich eine Geschichte spiele, ist also immer meine eigene Schöpfung.

Ich folge dabei meiner Vision, wie eine Geschichte klingen soll. Möglichst wenige Worte, in einfacher Sprache und kurzen Sätze Komplexes ausdrücken. Verschachtelte Sätze wie aus manchem Märchenbuch sind nicht mein Ideal – eher die Bilderwelt von Gedichten…

Ich bewege mich meist zwischen Schauspiel, Erzähltheater, Vortrag, Reisebericht … eben: ich bin Geschichtenspielerin.

Es gibt noch eine Gedankenkette, der ich häufig begegne: Erzählerin = Geschichtenerzählerin = Märchenerzählerin = Grimms Märchen = Kinderveranstaltung

Sicherlich trifft das auf so manche Erzähler zu, doch ich finde mich nicht wirklich darin. Obwohl einige meiner Programme für reine Kindergruppen geeignet sind, würde ich mich nicht als Kindertheater bezeichnen.

Ich erzähle keine Grimms Märchen und meine Programme mit Geschichten aus aller Welt ( z.B. mit Geschichten aus Tibet, vom Polarkreis, Märchen aus der Mongolei, Südsee…) sind hochinteressant für Erwachsene. Manches im Repertoire ist generationsübergreifend.

 

Artikelfoto: Und was machen Sie so beruflich?

 

Märchen für Erwachsene

Erst wenn Zuschauer erleben, wie sich bei meinen Erzählprogrammen Reiseerlebnisse, Informationen über andere Kulturen mit traditionellen Märchen und Mythen vermischen, dann begreifen sie, dass diese Art von Erzählen sehr wohl etwas für Erwachsene ist.

Ich spiele nicht nur Märchen. Ich wähle kulturtypische Geschichten aus, Erzählungen die die Werte einer Kultur veranschaulichen, mich interessieren, ansprechen und zu meinem Erzählprogramm passen.

Dabei ist mir nicht so wichtig, zu welcher literarischen Gattung die Geschichte gehört, ob Sage, Legende, Mythos, Märchen, Gleichnis oder Begebenheit.

„Darf ich mich vorstellen: ich bin Uschi Erlewein, die Geschichtenspielerin.“

Das Spektrum von Reaktionen geht von Bewunderung:

„Wie schöön! Märchenerzählerin … das wäre auch mein Traumberuf …“

über:

„Aaaaach, ( lange Pause ) das ist was für Kinder?“
„Was? Das kann man lernen??? Sie haben eine Ausbildung dafür?!?!?!???“

bis zu:

„Ach, Sie sind dann einer dieser Hungerleider… Sie haben doch sicher einen gut verdienenden Ehemann … zahlen Sie denn überhaupt Steuern? Krankenversichert? Rentenversichert?“

Nebenbei: bei diesem Gesprächspartner wartete ich nur noch darauf, dass er mich auffordert meine Kontoauszüge hervor zu holen!

Abwertung ist oftmals versteckt, kommt häufig bei Honorarverhandlungen zum Vorschein, selten so offen und direkt.

 

Frei und Schaffend als Geschichtenerzählerin

Meine Arbeit als Geschichtenerzählerin ist nicht auf die wenigen Stunden der Aufführungen beschränkt.

Einen Großteil der Zeit verbringe ich damit zu lesen, bin stets auf der Suche nach Geschichten, zu recherchieren und neu zu schreiben, Werbung zu machen, mich im Internet zu präsentieren, Fotos zu bearbeiten, Flyer zu entwerfen. Texte schreiben, beschreiben was ich tue, Veranstalterabsprachen, Terminvereinbarungen, Blogbeiträge, Rechnungen und Verträge schreiben, Video schneiden, Kostüme waschen, Projekte entwerfen…

Es gibt immer etwas zu tun!

Gerade die Vielfalt der Tätigkeiten lässt keine Langeweile aufkommen. Ich mache sowohl Organisation, Büro, Marketing, Social Media, Graphik. Bin Kostümbildnerin, Buchhalterin, Sekretärin, Bühnentechnikerin, Autorin …

und alles in Personalunion.

Das alles formt aber eher die Basis für das, was mir am wichtigsten ist:

Vor dem Publikum stehen, in die Geschichten eintauchen und die Zuschauer in diese Wachträume mitnehmen.

Es ist ein Suchen und wird es hoffentlich immer bleiben. Ich bin es gewöhnt, mein Leben lang.

Schon seit so vielen Jahren bin ich freischaffend als Künstlerin und seit über 30 Jahren gewöhnt, dass ich meine Arbeit immer wieder neu definiere. Dass ich die genaue Ausrichtung meiner Arbeit immer wieder neu positionieren muss. Entweder ich erkenne, dass ich künstlerisch nicht auf dem richtigen Weg bin oder ich sehe, dass ich nicht von meiner Arbeit leben kann: dann muss ich mir etwas anderes überlegen, die Richtung wechseln und mich neu orientieren.

 

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8 Comments

  • Ich bin auch Märchen-/Geschichtenerzählerin – aus Berufung – hab nie eine Ausbildung zur Märchenerzählerin gemacht, aber dafür eine Mutter, die mir das schon mit der Muttermilch eingeflößt hat. Meistens erzähle ich in Kigas oder auf großen Veranstaltungen, meistens Geschichten/Märchen für Kinder, allerdings weil ich als Grundschullehrerin dafür irgendwie prädestiniert bin. Ich suche mir Märchen, die es schon gibt, und dann mache ich mir von jedem Märchen meine eigene Version. Es ist genau, wie sie hier schreiben: Ich lese nicht, ich erzähle, ich spiele die Geschichte, mit allen Stimmen, die dazu gehören, all der Mimik, Gestik, den Geräuschen… Und immer wieder dieses Unverständnis. Einmal wurde ich auf einem Plakat mit den Worten angekündigt: „Die Märchen-Oma liest…“ Als die Leute mich dann sahen, mit Märchen-Truhe, Kostüm und ohne ein einziges graues Haar, sperrten sie Mund und Nase auf. Ich bin fasziniert davon, dass Sie vom Märchenerzählen leben können. Ehrlich gesagt, beneide ich Sie sehr darum. Mit drei Kindern, die man nicht ganztags betreuen lassen will (was sich sicher auch nicht lohnen würde…) ist es sehr schwierig überhaupt irgendwie berufstätig zu sein, geschweige denn als Märchenerzählerin, Buchautorin und Illustratorin. Wieviel Geld nehmen Sie pro Aufführung? WO erzählen sie und WIE OFT? Wie bekommen Sie Aufträge und wie weit sind die Anfahrtswege? Wie schaffen Sie es bloß, genügend Termine zu haben, um davon zu leben? Ich meine es nicht abwertend, sondern bewundernd. Ich würde das auch so gerne schaffen.

    • Ganz lieben Dank für diesen langen Kommentar, liebe Inga! Das sind ja gleich mehrere Fragen auf einmal. So manches habe ich teilweise schon in der Beitragsreihe „Soll ich von Beruf Märchenerzählerin werden?“ und in „Einfach mit Märchenerzählen Geld verdienen“ thematisiert. Auch werde ich noch weitere Texte in nächster Zeit veröffentlichen, die Ihnen vielleicht die eine oder andere Antwort geben.
      Mit dem Erzählen ist es wie mit anderen Künsten: man kann davon leben, manche gut, manche schlecht, doch immer ist es mit viel Arbeit verbunden. Ich stecke seit Jahrzehnten viel Zeit und Geld in Werbung und meine Erzählprogramme. Die richtigen Aufführungsorte hängen sehr vom thematischen Schwerpunkt Ihres Repertoires ab. Veranstalter buchen immer das, was in ihr Gesamtangebot passt. Deshalb sollten Sie überlegen, für wen Ihre Erzählprogramme interessant sein könnten und dorthin Ihr Angebot schicken. Man muss trommeln und auf sich aufmerksam machen, sonst wird man schnell vergessen. Nur wenige können davon leben, ohne zu reisen – ich spiele, wo ich gebucht werde.
      Beim Honorar verwechseln viele MärchenerzählerInnen das Honorar mit Stundenlohn, treten für 50 oder 100 € auf.
      Ich habe mal zusammengerechnet, dass ich nur für die Vor- und Nachbereitung eines Auftritts mindestens 3 Tage arbeite, á 10-14 Stunden. Wenn man das mit dem Mindestlohn vergleicht, sieht man schnell, wie unrealistisch solche Minihonorare eigentlich sind.
      Über das Honorar müssen auch finanziert werden: die regelmäßige Werbung, Druckkosten, Recherche, Schreiben und Inszenieren neuer Geschichten, Buchführung, etcetc. Auto, Kostüm, Fortbildungen, Telefon, Computer, Steuer, Versicherungen, etc…ein Dach übern Kopf und Gemüse zum Leben brauchst ja auch noch…

  • :D:D Eine Super!!! Einleitung! Ich kann mir bildlich vorstellen, wie Menschen darauf reagieren wenn du ihnen sagst, was du machst. Ich kann mir vorstellen wie wenig ernst sie es nehmen, aus dem Aspekt das sie sich nichts darunter vorstellen können und sie auch nicht die Arbeit, das Können und Interesse im Hintergrund verstehen oder verstehen wollen. Es ist schade, auf wie wenig Verständnis man in der heutigen Gesellschaft trifft, wenn man den Weg abseits des normalen geht. Eigentlich müsste das Interesse doch höher sein, wo so viele unzufrieden mit ihrem normalen Weg sind.. Aber die Gesellschaft, die Schule , die Arbeit das Umfeld, normt die Leute so sehr das es schwer ist daraus zu kommen.

    Und ich kann mir genauso gut vorstellen, dass die Leute begeistert von deinem Auftritt sind, wenn sie sich darauf eingelassen haben und sich etwas ansehen. Sie haben keine oder niedrige Erwartungen und es ist sicherlich toll wenn du sie mit mehr überraschst! :-)
    LG Svenja

    • Liebe Svenja, trotzdem haben mich die Bemerkungen meines Umfeldes nicht abgehalten meinen Weg zu gehen – ja vielleicht gar ein „jetzt erst recht“ heraus gefordert. Übel kann ich es niemanden nehmen, es ist einfach zu wenig bekannt wie Künstler arbeiten. Ich selber bin nicht nur am gestalten, sondern auch am künstlerischen Arbeitsprozeß interessiert. Wenn ich darüber schreibe, wird mir vieles klarer und ich kann auch ein bisschen informieren.

  • Ich komme auch aus der Kommunikationsbranche. Schon bevor ich mit dem Studium anfing, hatte ich Mühe und Not der Menschheit zu erklären, was das eigentlich genau ist. Mittlerweile sage ich nur noch ich studiere Marketing und PR. Stimmt zwar nicht ganz, aber die Leute fragen dann wenigstens nicht mehr nach.
    Meine neuste Herausforderung: Den Menschen erklären, dass ich professionelle Bloggerin sein will. Von ermutigendem Zuspruch bis totaler Ablehnung ist alles dabei. Und ja auch ich bekam da schon „Das ist kein Job, das ist ein Hobby!“ von mir wildfremden Menschen zu hören.

    Schade, dass es so viele Menschen gibt, die offenbar in einer winzig kleinen Blase leben und die keinerlei Interesse daran haben über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.

    Ich finde toll, was du machst. Weiter so!
    LG Luisa

    • Liebe Luisa, hab Dank für die Ermunterung! Ich finde es prima, dass Du Profibloggerin bist. Der Unterschied zwischen privaten und Blogs mit professionellem Anspruch fällt mir beim Lesen immer wieder ins Auge….Wenn jemand mir mit „kritischen“ Kommentaren den Wind aus den Segeln nehmen will, denke ich oft: jetzt erst recht!

  • Vielen lieben Dank dass sie ihre Gedanken über ihren Beruf teilen. Sehr inspirierend.
    herzliche Grüße von Ylva (Schauspielerin mit eigenem Theater)

    • Das freut mich, dass auch ein Kollegin hier liest, vielen Dank für den Kommentar, liebe Ylva! Das Reflektieren über meine Arbeit war mir immer schon wichtig, doch wird es mir noch wichtiger, wenn ich höre, dass es andere inspiriert! Schon ein Grund mehr, den Blog noch kräftig wachsen zu lassen… demnächst also mehr. Ich freue mich über einen regen Gedankenaustausch! Herzliche Grüsse, Uschi

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