Gut erzählt? Wie erkenne ich, ob eine Geschichte gut erzählt ist?

Gut erzählt? Wie erkenne ich, ob eine Geschichte gut erzählt ist?

Vor allem Erzähler, die noch nicht so viel Erfahrung haben, sind sich oft unsicher, ob sie gut erzählt haben. Manche fragen mich, woran sie erkennen können, ob sie auf dem richtigen Weg sind.

Hier im Blog will ich ja nicht nur über mein Leben als Künstlerin schreiben, sondern auch Fragen beantworten, Tipps geben, meine Erfahrungen und mein Wissen mit dir teilen. Deshalb greife ich die eine oder andere Frage auf.

Heute geht es also um: „Wie erkenne ich, ob meine Geschichte gut erzählt ist?“

Ich versuche dir zu erklären, wie ich dazu stehe.

Vielleicht hast du ja schon gelesen, dass ich keine große Anhängerin bin, vom Auswendiglernen und texttreuen Erzählen – es sei denn, es handelt sich um einen literarischen Text.

Bei den Weltgeschichten, auf die ich mich spezialisiert habe, ist es in den verschiedenen Kulturen üblich, dass die Erzähler zwar dem Inhalt von manchen Geschichte treu sind, doch improvisieren sie viel.

„Gut erzählt“ bedeutet für mich also nicht die wortgetreue Wiedergabe einer Geschichte. Ich verstehe mich nicht als Dienstleisterin für die Weitergabe von Märchen, sondern als Künstlerin.

Was du unter „gut erzählt“ verstehst, hängt sehr von deinem Erzählstil, deiner Weltauffassung, bzw. von deiner Haltung zum Erzählen ab. Zum Beispiel dein Anspruch, deine Ausbildung, die Auswahl der Geschichten – alles schlägt sich nieder. Jede Erzählkünstlerin hat deshalb andere Maßstäbe, die sie mit der Zeit entwickelt.

 

Eine Geschichte ist eine Komposition von verschiedenen Elementen. Wenn sich diese Elemente verbinden, miteinander klingen und stimmig sind, dann entsteht etwas ganz Neues, Besonderes.

Dann ist es, als ob die Zeit still steht. Nicht ich erzähle die Geschichte, sondern die Geschichte erzählt sich selbst. Sie geschieht.

 


 

Gut erzählt ist eine Geschichte, die lebendig wird

Eine Geschichte entsteht immer im wechselseitigen Dialog aus diesen Elementen:

  1. Die Geschichte mit ihrem kulturellen Kontext
  2. Du, die Erzählerin mit deiner Biographie, Erfahrung und Vision
  3. Das Publikum, deine Zuhörer und Zuschauer

 


 

Artikelfoto: Ist meine Geschichte gut erzählt?

 

Beim Erzählen beobachte ich stets das Zusammenspiel von Geschichte-Erzählerin-Publikum. So kannst du eine Rückmeldung bekommen, ob und wie die o.g. Elemente zusammen klingen. Durch Beobachtung und Hinterfragen kannst du deine Kriterien entwickeln, ob du nach deinen Maßstäben „gut erzählt“ hast:

 

1. Höre auf die Geschichte

Lerne nicht bloß die Worte deiner Geschichte – sondern kenne dich darin aus. Suche nach Varianten dieses Märchens. Beschäftige dich mit den Mythen, die mit dem Mythos zusammenhängen, den du erzählst. Wenn du Geschichten aus einem anderen Kulturkreis erzählst, beschäftige dich mit der Kultur, ihrer Weltsicht und Kunst, ihrer Religion, tanze ihre Tänze, höre ihre Musik.

Was immer du machst, um dich der Geschichte zu nähern, mach es so sinnlich wie möglich. Und möglichst wenig über den Kopf. Das verstopft dir nur die Ohren, so dass die Geschichte nicht zu dir sprechen kann.

Ja, die Geschichte kann mit dir sprechen, sie sagt dir genau, was sie will. Sie sagt dir auch beim Erzählen vor Publikum, wie sie richtig erzählt sein will. Du musst ihr nur zuhören!

 

2. Beobachte dich als Erzählerin

Als Erzählerin verstehe ich mich als Mittlerin zwischen der Geschichte und dem Publikum. Hier verweben sich die Fäden, die von allen Elementen kommen.

Wenn ich mich entscheide eine Geschichte zu erzählen, habe ich immer eine Ahnung, wie die Geschichte einmal klingen wird. Manchmal sehe ich alles ganz klar, manchmal dauert es einige Zeit, bis ich diese Ahnung verstehe, oft muss ich dabei um die Ecke denken. Diese innere Vision der Geschichte zu erforschen und in die Wirklichkeit zu übersetzen, das ist ein Gutteil meiner künstlerischen Arbeit.

Es ist ähnlich, wie wenn ich an einem Bild male. Jeder Pinselstrich, jedes Überarbeiten, die Zeit, die ich mit der Arbeit am Bild verbrachte – all das bringt mich einen Schritt näher an diese Vision.

Irgendwann kommt ein klares Gefühl, das sichere Wissen, dass das Bild nun fertig ist. Jetzt ist dieses innere Bild, so nah wie möglich, in ein äusseres, materielles Bild umgesetzt. Dann wird es Zeit das nächste anzufangen.

Genau dieses Gefühl, „jetzt ist es stimmig erzählt, jetzt klingt das Äussere mit dem Inneren zusammen“, das habe ich auch beim Geschichtenerzählen.

Mit Übung und Training wirst du auch einmal an so einen Punkt kommen, um sicher zu wissen, ob deine künstlerische Arbeit deiner inneren Vision entspricht und du nach deinen Maßstäben „richtig erzählt“ hast.

  • Beobachte dich selber
  • Warst du präsent oder hast du dich von was ablenken lassen?
  • Wie war dein Gefühl, warst du zufrieden mit der Geschichte?
  • Mit welchem Teil der Geschichte warst du zufrieden? Warum?
  • Was hat gefehlt? Bist du zu schnell und atemlos gewesen?
  • Hast du ein Gefühl für das Publikum gehabt? Oder warst du nur bei dir?

 

Artikelfoto: Ist meine Geschichte gut erzählt?

 

3. Beobachte die Zuschauer

Es gibt einige Anzeichen bei den Zuschauern, an denen du erkennen kannst, ob deine Geschichte ankommt und gut erzählt ist. Zum Beispiel beobachte aufmerksam:

  • Sind deine Zuschauer interessiert? Sind sie fokussiert?
  • Hast du Ihre Aufmerksamkeit?
  • Sind sie mehr und mehr beteiligt? Oder wandern ihre Augen durch den Raum?
  • Wie ist ihr Gesichtsausdruck? Ist im Gesicht abzulesen, dass sie mit den Emotionen der Geschichte mitgehen?
  • Haben sie sich „selbst vergessen“ und sind völlig in die Geschichte eingestiegen? Sitzen selbst Erwachsene mit offenem Mund da?
  • Haben die Zuschauer die Zeit vergessen oder schaut einer immer wieder auf die Uhr?
  • Wenn du am Höhepunkt der Geschichte angekommen bist, bekommst du von Ihnen die Reaktion, die du erwartest? Lachen Sie?
  • Lehnen sie sich zurück und sagen, „Was für eine Geschichte!“?

 

Sich helfen lassen und der Zacken aus der Krone

Doch was tun, wenn du noch überfordert bist auf all diese Dinge zu achten? Ich weiß, als Erzählanfänger bist du noch am Lernen und wahrscheinlich so mit dir selber beschäftigt, dass du gar nicht so genau das Publikum beobachten kannst. Es ist oft aufregend eine Geschichte vor Publikum zu erzählen. Da haben viele Lampenfieber.

Falls du merkst, du schaffst es nicht alleine, fällt dir sicher kein Zacken aus der Krone, wenn du jemanden mit Erfahrung um Coaching bittest. Nicht umsonst hat man ja im Theater den Regisseur, der das Ganze im Blick hat. Er kann sowohl dein Erzählen, als auch die Reaktionen im Publikum beobachten.

Zum Glück gibt es ja erfahrene Erzählerinnen und darstellende Künstler, die dir weiter helfen können. Suche jemanden, dem du traust und der dir nicht seinen Stil aufdrückt. Ich habe dafür schon tief in meinen Geldbeutel gegriffen und weite Wege auf mich genommen, bin nach Amerika oder bis ans Mittelmeer gefahren.

Es lohnt sich! Manchmal ist der weite Weg der kürzeste….

 


Du hast noch Fragen zum Thema? Raus damit, keine Scheu! Dann kann ich das Thema in den folgenden Texten mit einfliessen lassen…

 

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5 Comments

  • „Nicht ich erzähle die Geschichte, sondern die Geschichte erzählt sich selbst. Sie geschieht.“
    Genau so funktioniert es!
    Während meiner Ausbildung zur Märchenerzählerin empfahl der Ausbilder immer wieder, eigene innere Bilder zu sehen und nach diesen zu erzählen. Aber ich sah und sah niemals Bilder. Ich war darüber sehr verzweifelt. Auf seine Frage, wie ich es mache, trotzdem so gut zu erzählen, fand mein Kopf keine Antwort. Und dann platzte mein Mund ungefragt mit der Antwort heraus:
    „Ich erzähle das Märchen nicht – ich B I N das Märchen!“

    • Was für eine schöne Geschichte! Danke, liebe Tante Jutta, für diesen Kommentar.
      Das erlebe ich auch immer wieder bei meinem Coaching, dass es nicht reicht, zu sagen „Erzähle einfach, was du in deinem Kopf-Kino siehst.“ Wie du, sieht nicht jede gleich Bilder.
      Jede Person ist anders, bringt andere Lebenserfahrungen mit. Es gibt viele Möglichkeiten, wie man sich an eine neue Geschichte herantasten kann. Und im Laufe der Jahre hat sich das bei mir immer mal wieder geändert. Zeitweise tanzte ich die Geschichten, „erfuhr“ sie mit dem Fahrrad, schrieb, sang, malte oder collagierte…Zur Zeit ist mir das Schreiben sehr wichtig, wer weiß, was als nächstes kommt.
      Schön, dass du offensichtlich du deinen Weg gefunden hast. Viel Freude weiterhin mit dem Erzählen!
      Lieben Gruss, Uschi

  • Liebe Uschi,
    danke für diesen wunderbaren Artikel! Zielgenau auf den Punkt gebracht. Was mir besonders gefällt: Du lässt offen, wie jede Erzählanfängerin ihren Weg geht, gibst einfach nur Tipps, woran sie sich orientieren kann. Weiter so! Deinen Blog lese ich immer sehr gerne.

    • Liebe Jana, das höre ich sehr gerne, dass du hier mitliest! Ja, ich finde es wichtig, dass Erzähler ihren eigenen Weg suchen und gehen. Von Patentrezepten halte ich gar nix, das ist wie Malen-nach-Zahlen. Bin total überzeugt, dass erst wenn Innen und Aussen zusammen kommt, es auch wirklich den Betrachter berührt. In anderen Worten, erst wenn die Erzählerin in der Form der Geschichte sich ausdrück, berührt es das Publikum. Als Lehrer, Regisseurin oder Erzählcoach ist unsere Aufgabe, der Erzählerin zu helfen ihren ureigenen Weg zu erkennen und zu gehen.

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